Freitag, 18. Januar 2013

Von indischen Hochzeiten und kleinen Triumphen





Die letzten Wochen sind wie so oft im Fluge vergangen ... Dieses Mal war es jedoch eher der Stress, der die Zeit so schnell wie noch nie vergehen ließ. Das Diwali-Fetsival, auch das Fest der Lichter genannt, hatte ein größeres Ausmaß genommen, als ich erwartet hatte. Dabei handelt es sich um ein mehrtägiges Fest, welches zu Ehren des Gottes Lahxmi gefeiert wird. Schon ein bis zwei Wochen zuvor hatten sich alle jedoch schon den Vorbereitungen gewidmet. Noch weitaus extremer als das Gedränge der Vorweihnachtszeit, hatten wir hier mal wieder das totale Chaos. Gesperrte Straßen, ausverkaufte Lebensmittel, nervtötender Lärm von Händlern und Käufern ... Alle Frauen der Familien putzten den gesamten Hausrat. Von Fensterscheiben, über Teppiche, Kleider, Besteck oder Schmuck, bis hin zur kleinsten Silberschale .. es musste alles sauber sein. Denn der Gott Lahxmi würde zu Besuch kommen und deshalb musste er ehrenvoll empfangen werden. Während des Festivals werden kleine Öllampen angezündet, Lampions aufgehangen und Raketen in den Himmel geschossen, um dem Gott den Weg nach Hause zu weisen.




Interessant war jedoch auch die Vorbereitung der Diwali-Speisen, die jedes Jahr um diese Zeit angefertigt werden. Anders als bei uns werden die "gebackenen Plätzchen" nicht nur für den Eigenverzehr, sondern viel mehr auch zum Verschenken und als Opfergaben des Gottes hergestellt. Hierbei handelte es sich um die unterschiedlichsten Süßspeisen, aber auch scharfe Snacks, die massenhaft in jeder Familie hergestellt wurden. Ladus (kleine runde Kugeln) aus Kokos, Weizenmehl oder purem Zucker, fritierte Teigringe oder mit Kokosnuss gefüllte Blätterteigtaschen...


Außerdem war der Tag gekommen, an dem ich das erste Mal meinen Sari anziehen würde. Ein Sari ist das traditionellste weibliche Kleidungsstück Indiens, welches von den meisten Frauen auch im Alltag getragen wird. In der Regel handelt es sich dabei um eine 6 Meter lange, ungenähte, recheckige Stoffbahn. Unter dem Stoff wird ein langer Unterrock getragen, um dem Sari Halt zu geben. Der Oberkörper wird durch eine kurze festsitzende Bluse namens Choli bedeckt. Über Bluse und Unterrock wird dann gekonnt der Sari gefaltet und gewickelt, bis er nicht mehr den Anschein macht, dass man 6 Meter Stoff an sich zu hängen hat. Dafür hatte ich glücklicherweise aber Hilfe von meiner Freundin, die sich schon Tage vorher riesig darauf freute, mich wie ein Püppchen ankleiden zu dürfen. Fazit: Einen Sari sollte man nach einem längeren Aufenthalt definitiv mindestens einmal getragen haben. In Deutschland würde ich ihm dann aber doch lieber wieder die Abendkleider vorziehen *lach*





Ein typisches Hand- Mendhi (Henna-Tattoo)



Extra schick - Die gesamte BSSK-Staff


Neun ganze Tage hatten wir nun gefeiert, doch wer dachte es wäre damit vorbei, hatte sich geirrt. Für viele Inder fingen jetzt Urlaub oder Ferien an und auch die Kinder hatten zwei Wochen Schulfrei bekommen. So begann für mich eine einerseits wundervolle, aber dennoch abartig anstrengende Woche. Statt unseren insgesamt 20 Mitarbeitern mussten sich nun 4 Frauen um die 24 Kinder kümmern. Eine davon - klein Lea -
Es fühlte sich wahnsinnig gut an so viel Vertrauen entgegengebracht und so viel Verantwortung aufgebürdet zu bekommen. Doch nach einer Woche dieser Form von "Arbeit" grenzte es allmälich an nervliche Folter und Überanstrengung. Morgens, Mittags, Abends Kinder..Kinder...Kinder! So konnte ich das Wochenende kaum erwarten, auch wenn dieses eher Abwechslung als Entspannung versprach. Vor wenigen Wochen hatte ich nämlich einer indischen Freundin zugesagt sie auf eine Hochzeit zu begleiten. Selbstverständlich verlief es auch in diesem Fall, wie so oft in Indien, ganz anders als ich es kannte. Früh am Morgen der Hochzeit wird die Braut mit einer gelben Öl-Gewürzmischung am ganzen Körper eingerieben. Das Resultat der ersten 5 Minuten ist also dann eine "Monster"Braut in Quitten-Gelb, die, zu meiner Erleichterung, von ihrer schrecklichen Färbung nach einer weiteren halben Stunde befreit wurde. Danach wird die Braut angekleidet. Sie selbst darf sich daran aber nicht beteiligen, sondern wird - was mich doch sehr an eine Puppe erinnerte - von Kopf bis Fuß betuddelt bis sie endlich fertig geschmückt, geschminkt, frisiert und gekleidet war. Auch wenn gerade auf uns Europäer nahezu jedes indische Kleidungsstück farbüberflutet und kitschig wirkt, ist der Sari der Braut anscheinend wirklich nahezu mit jeder Farbe versehen. Weiße Saris sprechen in der indischen Hochzeitskultur für Einfallslosigkeit und Armut. Der Beginn der Hochzeit wird mit einer mindestens 2 stündigen Puhja eingeleitet. Dabei werden wieder zahlreiche Gottheiten verehrt und mit Opfergaben beschenkt. Natürlich ist die Dauer und das Ausmaß einer indischen Hochzeitszeremonie auch von der Kaste und damit dem familiären Vermögen abhängig. Einfache Hochzeiten können durchaus nach 4 Stunden beendet werden, währenddessen sich eine Zeremonie gut situierter Familien über drei Tage verteilen kann. Im letzten Monat hatte ich die Chance gleich drei indische Hochzeiten mitfeiern zu dürfen. Alles in Allem kann man sagen, dass nahezu jede Handlung innerhalb der Zeremonien einen sehr symbolischen Hintergrund hat.

Puhja

Die gedeckte Hochzeits"tafel"

Das Brautpaar




Nun aber genug Gerede um die indischen Hochzeiten :) Ich sprach ja bereits im Titel von kleinen Triumphen. Ende November wurde ich von meiner Chefin angesprochen, ob ich nicht in einer Diskussionsrunde ein bisschen über mein Auslandsjahr und meine bisherigen Erlebnisse erzählen könnte. Da dachte ich mir also ... gut, keine große Sache, du sprichst ja fast jeden Tag mit verschiedensten Personen über all das hier. In Sangli kann ja auch nicht allzu viel los sein. Tja .. nur dachte ich diessmal falsch. Erst wenige Minuten vor meiner  harmlosen "Disskusionsrunde", die sich nun als Rede einer überdimensionale Stadt-und Bezirksveranstaltung entpuppte, merkte ich was mir bevorstand. Zum Glück konnte ich daran in dem Moment nichts mehr ändern, sonst hätten mich wahrscheinlich keine 10 Pferde auf die Bühne gebracht, auf welcher ich dann brav hinter dem Mikro meine Geschichte zu erzählen begann. Als Ehrengast neben den bedeutendsten Persönlichkeiten aus Sangli und Umgebung war ich doch sichtlich gerührt eingeladen geworden zu sein. Im Nachhinein hatte ich erst erfahren, dass es sich um eine Berufsorientierungsveranstaltung für Schüler 10.-12. Klasse und deren Eltern gehandelt hatte. Als Danksagung wurde mir am Ende der Veranstaltung ein duftender Blumenstrauß und eine Ehrenplakette überreicht.

Die Ehren-Plakette für Miss Lea Kirsch - Sozialarbeiterin aus Deutschland

"Es ist uns eine große Ehre Sie im Rahmen dieser Veranstaltung in der Kreis-Stadt Sangli vor unserer Jugend präsentieren zu dürfen und Sie mit dieser Ehrenplakette für Ihre außerordentliche Arbeit auszuzeichnen. Wir empfinden Ihre Arbeit als außergewöhnlich gut und erfreuen uns vorallem daran, dass Sie den weiten Weg von Deutschland auf sich genommen haben, um unsere Kultur, die sozialen Umstände, Probleme und unsere Wesen besser verstehen zu lernen und Ihren Dienst in unserem Land zu leisten. Es gibt nur wenige Menschen, die Ihr Vaterland verlassen, um in einer anderen Gesellschaft mit so viel Herz zu arbeiten. Allein das spricht Bände über Ihr großes Engagement. Ihre soziale Einstellung und Ihre Arbeit überschreiten die politischen, kulturellen sowie die zivilisationsbedingten Grenzen unserer Zeit . Damit geben Sie, Lea Kirsch ein Beispiel, das jeder von uns schätzen sollte.

Wir, aus Sangli, sind in der Tat mehr als dankbar für Ihre selbstlose und leidenschaftliche Arbeit. Wir sind zuversichtlich, dass Ihr Aufenthalt und Ihr Dienst, viele Bewohner unserer Stadt inspirieren wird, ihren Beitrag zu einer positiven sozialen Veränderung zu leisten.
Um unsere Welt jeden Tag etwas schöner werden zu lassen."

Tarang Bahuudheshiya Sanstha Sangli

Sprachlos konnte ich am Ende nur noch ein ehrliches und von Herzen rührendes "Dankschön" in das Mikrofon hauchen.



Dienstag, 27. November 2012

:) Hasenschmuggel :)


Ich habe euch ja bereits  von meiner Projektidee erzählt :)
In der vorherigen Woche wurde ich kurzfristig für ein weiteres Treffen mit unserer Mentorin nach Pune bestellt.
In Sangli gestaltete sich die Hasen-Suche wirklich schwierig. Das einzige, was mir angeboten wurde, waren alte, eingeschüchterte, verstörte Hasen :( Auch wenn sie mir noch so Leid taten .... war es absolut nicht das wonach ich gesucht hatte. Zurück in Pune entschloss ich mich also dazu die Kleinen einfach dort zu kaufen und sie anschließend mit nach Sangli zu nehmen.

Ich muss gestehen ... etwas aufgeregt war ich ja schon, da die Busregeln von "Konduskar Travels" eindeutig lauten:

Pet animals/birds are not permitted to be carried (see M.V. Act 1989, Rule No. 102ii)
if carried and detected passenger will be abandoned

Haustiere/Vögel sind nicht erlaubt mitzunehmen (siehe M.V. Gesetz von 1989, Gesetzesnummer 102ii)
Im Falle dessen, dass ein Tier mitgenommen und der Passagier dabei erwischt wurde, wird dieser ausgesetzt.

Natürlich ging am Ende dann trotzdem alles gut und wir blieben unentdeckt, da ich wieder zwei Plätze für mich alleine hatte.
Abends sollte ich eigentlich vom Fahrer des BSSK abgeholt werden, da ich in der Dunkelheit mit den Hasen noch dazu ungern auf Rikshaw-Suche gehen wollte. Doch leider funktionierte nichts so wie geplant.
Wie es in Indien aber nunmal so ist, war all das am Ende überhaupt kein Problem. Sofort fand sich ein junges Ehepaar, das mich unter KEINEN Umständen allein nach Hause fahren lassen wollte.

Dazu muss man sagen, das sowas hier in Indien, vor allem aber in ländlichen Gegenden wie Sangli sehr oft vorkommt. Für die Inder bin ich nämlich nicht nur Gast in ihrem Land, sondern vor allem ein kleines, unerfahrenes Kind, auf das selbstverständlich aufgepasst werden muss. Oft werde ich hier komisch angeschaut, wenn ich erzähle, dass meine Eltern die Idee ins Ausland zu gehen sogar noch unterstützt haben. Oftmals wird nämlich vermutet ich hätte mich mit meiner Familie verstritten, wäre ausesetzt oder verstoßen worden oder ganz und gar einfach nach Indien geflüchtet. Haha ja, klar doch!
In Indien sind 18 jährige minderjährig. Besonders Töchter sind wie kleine Kinder für sie und werden demenstprechend behandelt. Freiheit "Adee", "Hallo" zur Käfighaltung. Viele junge Frauen dürfen allein nicht einmal aus dem Haus gehen ...!

Gott sei Dank gibt es auch in diesem Fall Ausnahmen :) Für uns ist es natürlich nahezu unvorstellbar und hört sich eher nach Freiheitsberaubung an, was hier als Fürsorge verstanden wird. In Indien ist das jedoch normal und so regen sich auch die wenigsten darüber auf. Schließlich kennen sie es ja nicht anders. So kommt es aber häufig vor, dass man jungen Menschen begegnet, die sich in der Tat wie Kleinkinder verhalten, unselbständiger nicht sein könnten und bei jeder Kleinigkeit nach "Maamaaa?" schreien. Es mag witzig klingen ... ist es aber nicht immer und vor allem aber ist es die Realität.

Wo ich jedoch grade von Ausnahmen geredet habe ...
Da ich im Normalfall von Montags bis Freitags arbeiten gehe, habe ich das Wochenende über frei. Als ich noch in Deutschland war, macht ich mir viele viele Gedanken darüber, wie ich meine Freizeit nur verbringen soll, da ich im Gegensatz zu den anderen Freiwilligen, ja doch ganz schön allein hier bin.
Tja, was soll ich euch sagen. Ich habe NIE Langeweile und IMMER etwas zu tun. Eigentlich bräuchte ich eine Woche mit 10, anstelle von 7 Tagen :)

Ich habe hier unabhängig voneinander zwei sehr nette indische junge Frauen kennengelernt, mit denen ich meine Zeit am Wochenende verbringe. So sind meine zwei freien Tage also immer gut gefüllt mit kleinen Shoppingtouren, Kochkursen, ruhigen Stunden am Flussufer oder mit dem Vorstellen neuer Leute hier aus Sangli.

Wenn ich d.a.n.n. noch Zeit zwischendurch finde, sitze ich wohl möglich grade auf meiner Terasse und versuche mir einen neuen, guten Post aus dem Hut zu zaubern :)

Inzwischen haben sich sogar die etwas schreckhaften Kinder daran gewöhnt, dass auf dem Boden nun auch andere kleine Wesen herumtollen :) Während die Wilderen sich dazu haben überreden lassen, dass die Tiere keine Quietsche-Entchen sind, die man hin- und herschupsen oder zerquetschen darf. Sie sind Feuer und Flamme und helfen immer brav beim Füttern und sauber machen mit. Ab und zu kommt auch eine empörte Ansage eines meiner größeren Mädchen, während ich bei der Arbeit bin "Lia-Diddi, Kaya hat mir gesagt sie hat Hunger!" Mit einem Schmunzeln, gebe ich dann doch meistens nach, obwohl die Tiere natürlich wohlgenährt sind. In den letzten Wochen sind sie nun ihr ganzer Stolz geworden und werden Besuchern nun immer schon vor den Babys präsentiert und gelobt. Letztens kam doch tatsächlich die Frage, ob man mir die Kleinen nicht abkaufen könnte. Damit wäre die ganze Arbeit und das Glück der Kinder aber natürlich vollkommen dahin, sodass ich mich mit der Dame darauf einigte ihr beim nächsten Besuch in Pune "genauuu SO einen Hasen" mitzubringen ...



Wann immer ihr Fragen habt, stellt sie bitte. Über Kommentare von euch freue ich mich natürlich wie immer sehr!

Mit sonnigen Grüßen aus Indien :)

Eure Lea

Freitag, 2. November 2012

Australischer Besuch und ein Trip nach Chiplun


Schon seit einer Woche sprachen alle davon, dass wir bald Besuch von einer australischen Frau bekommen würden. Da sie selbst und viele ihrer Freunde Sponsoren ein oder mehrer indischer Kinder ist, entschloss sie sich dieses Jahr nach Chiplun zu reisen, um sich ein eigenes Bild von den Lebensumständen und Familienverhältnissen zu machen. Dort befindet sich nämlich die kleinste Stelle des BSSK, in welcher derzeit nur 10 Kinder leben, aber von dort aus zusätzlich um die 150 Sponsorship-Kinder betreut werden.

Überraschender Weise kam sie einen Tag früher, als geplant, wodurch die Frauen des BSSK ziemlich in Hektik gerieten.
"Wo liegt denn Australien überhaupt? Wie heißt sie nochmal? Der Blumenstrauß ist ja noch gar nicht fertig und Máma! Du musst doch los, um sie abzuholen!"

Zu ihrem Glück kam sie am letzten Tag des Dusshera Festivals (24.Oktober), welcher, was ich nun schon aus Erfahrung sagen kann, immer am kräftigsten gefeiert wird.
So hatten also die meisten der Frauen ihren freien Tag und das BSSK war relativ ruhig. Stolz wurde unsere Einrichtung gezeigt :) Nachmittags machten wir uns auf den Weg, um unserem Besuch ein wenig von der Umgebung zu zeigen. Ein kurzer Spaziergang am Flussufer wurde zu einem Erlebnis :) Ein Mann versuchte mit einem selbstgebauten Bogen einen Rekord zu brechen. Ohne Visier wollte er eine Zielscheibe in mehr als 200 Meter Entfernung treffen. Tatsächlich schaffte er es, was für uns, als totale Laien, ziemlich beeindruckend war.



Danach besuchten wir noch den größten Tempel Sanglis, der aufgrund des letzten Festivaltages natürlich voller Menschen war, wo wir Teil einer überfüllten Tradition wurden.









Als wir eigentlich schon wieder zurückkehren wollten, kam meiner Chefin spontan noch die Idee, abends in ein 6 Kilometer entferntes Dorf zu fahren, wo es eine alte, großartige Tradition zu bestaunen gäbe. Als wir "Ja" sagten, dachten wir aber ganz bestimmt nicht an das, was uns letztendlich erwartete .... Eine Feuerwerksschlacht ....
In einer bestimmten Straße des Dorfes wird jedes Jahr, am 24. Oktober ab 21.00 Uhr eine Art Wettbewerb veranstaltet. In Indien gibt es so genannte "Puhjas", eine Art Trage auf der eine Statue der jeweilige Gottheit präsentiert, reich geschmückt und verehrt wird. Diese Puhja wird nun von Haus zu Haus getragen, bis sie am Tempel angelangt. Sobald sich die Gottheit vor der Tür befindet, kommt die Mutter des Hauses, um die Träger mit Essen und Trinken zu versorgen. Ist dies getan, wird zu Ehren des Gottes von allen männlichen Familienmitgliedern ein Feuerwerk organisiert. Diese werden das ganze Jahr über ausschließlich für diesen Tag gefertigt und keinesfalls verkauft, wie ich anfangs dachte.




Ziel ist es das schönste Feuerwerk der ganzen Straße zu veranstalten und damit den Gott ganz besonders zu ehren. Diese Prozedur wird fortgesetzt bis die Puhja vor jedem Haus gestoppt und schließlich den Tempel erreicht hat. Natürlich kennen wir Feuerwerk in allen Varianten ... aber sowas ... habe ich noch nie erlebt. Meter-hohe Fontänen, mannsgroße, rotierende Scheiben, die mit lauten Explosionen eine Art Feuerregen versprühen und das lauteste & größte Feuerwerk, was ich je gesehen habe. Das Gedränge war enorm und die Inder schienen vor Freude auszurasten, sprangen wild durch den Feuerregen und standen nur wenige Zentimeter von den Raketen entfernt. Selbstverständlich wurde, wie bei jedem anderen Festival auch lautstark Musik dazu gemacht.

Natürlich habe ich versucht es in Bildern festzuhalten ... was daraus geworden ist könnt ihr euch sicher vorstellen *haha*








Erschreckend, gefährlich, laut, hell, unberechenbar, überfüllt und doch wunderschön und beeindruckend zugleich! Anders kann ich es nicht beschreiben. Ich bin mir sicher, dass viele Zuschauer einige Verbrennungen oder andere Verletzungen an diesem Abend erleiden mussten. Über 20.000 Zuschauer wurden erwartet ... ich bin mir jedoch fast sicher, dass es mehr waren. Gott sei Dank konnten wir uns bis zu einem Haus durchkämpfen, wo wir auf der Dachterrasse das Ganze von oben betrachten konnten.

Zwei Tage später ging die Reise also für die Australierin weiter und auch ich hatte mich dazu entschlossen mit ihr und meiner Chefin mitzukommen, um eine weitere Stadt kennen zulernen  die BSSK Stelle zu sehen und vor allem aber, auf weitere Hausbesuche mitgehen zu können. Die Häuser der Sponsorship-Kinder befanden sich diesmal zum Teil in in einer Bergregion, was mich besonders reizte. Angekommen in Chiplun wurden wir herzlich begrüß, begannen jedoch gleich mit der Arbeit, da es viel zu tun gab und wir nur wenige Tage dafür Zeit hatten.



Hier also ein Bericht über unsere gemeinsamen Tage in Chiplun :)

Nach dem wir am ersten Tag viele organisatorische Dinge zu besprechen hatten, machten wir uns am Zweiten gleich früh morgens um 8.00 Uhr auf den Weg zu unseren ersten Sponsorship-Kindern. Auf dem Hinweg besuchten wir eine Schule, aus welcher uns 3 Kinder später bis zu ihren Häusern begleiteten.



Stunden- und Lehrerplan



Der Weg war steil und manchmal kaum als solcher zu erkennen, sodass wir auf dem Rückweg Probleme hatten wieder zurückzufinden. Trotz aller Anstrengung war diese Tour es definitiv Wert :) Ein weiteres Mal durfte ich den indischen Alltag also ganz nah miterleben. Allein durch die Lage in der Bergregion unterschieden sich diese Hausbesuche natürlich stark von denen, die ich bis jetzt in Sangli gemacht hatte. Viele Familien leben ohne Strom und so, wie wir sagen würden, vor 200 Jahren gelebt haben. Feuer wird selbst gemacht, der Fußboden besteht aus getrocknetem Kuhdung  Tiere leben und schlafen in der Küche, und das Bett wird, wenn überhaupt eines vorhanden ist, ausschließlich als Sitzgelegenheit für Gäste angeboten und nicht zum schlafen genutzt. Nach vielen Stunden lagen trotzdem erst 9 von über 50 Hausbesuchen hinter uns. Auch wenn viele Bilder vielleicht recht idyllisch erscheinen mögen, ist das Leben dieser Familien wirklich hart und oftmals von schweren Schicksalsschlägen geprägt. Ich glaube nicht, dass einer von uns auch nur eine Nacht dort verbringen wollen würde. Diese Familien sind wirklich hilfsbedürftig und deshalb ist grade das Leben der Kinder nicht so, wie es ihnen zu wünschen wäre. Oft hört man von häuslicher Gewalt, Alkoholproblemen, plötzlichen Todesfällen, Hungersnot oder Unterernährung und schweren Krankheiten innerhalb der Familien.









Reis für ein Jahr
Ein typischer Hausaltar



Ein Sari hängt zum Trocknen aus



Am dritten und leider damit auch schon wieder letzten Tag unseres Chiplun-Aufenthalts begaben wir uns erst am Nachmittag zu weiteren Hausbesuchen, da wir den Vormittag über ein  abwechslungsreiches Camp besuchten, welches zweimal pro Jahr für alle  150 Sponsorship-Kinder dieser Region veranstaltet wird. Von einer Bastelstunde für Laternen, über einen Lehrgang zur Parfümherstellung, bis hin zu einer Stunde Aufklärungsunterricht, gestaltete sich das Programm wirklich sehr abwechslungsreich. Beendet wurde es mit der Vorführung einer Gruppe, die einen traditionellen Fischer-Tanz aufführte.



Sponsorship-Kinder mit einer fertigen Diwalli-Laterne






Nach weiteren Hausbesuchen am Nachmittag machten sich meine Chefin und ich wieder auf den Rückweg. Auch wenn es noch so schnell vorbei ging, möchte ich diesen Trip und vor allem die damit verbundenen Erfahrungen nicht mehr missen!

Es hat mir wieder einmal gezeigt, wie gut wir es haben und wie unnötig und klein so manche unserer Sorgen und Ängste, im Gegensatz zu den wirklichen Problemen sind, mit denen diese und viele andere Menschen in der Wel tagtäglich zu kämpfen haben.



Mit vielen Grüßen

Von eurer Lea

Samstag, 13. Oktober 2012

"Lia Didi, Sassaa kuthay?"


Wie bereits angekündigt, kommt hier nochmal ein kleiner Nachtrag über die wichtigsten Ereignisse und Veränderungen rund um meine Arbeit & das BSSK Projekt :)




Bei meinem letzten Besuch in Pune hatte ich einen Händler entdeckt, der in einem winzigen Käfig um die 15 oder 20 kleine Hasen-Babys hielt, die zum Verkauf standen. Gleich empfand ich Mitleid mit den Kleinen, zwang mich aber dennoch zur Vernunft und ging weiter, ohne einen zu kaufen. In Sangli wieder angekommen tobte der BSSK-Hund Careggh wieder durch das Haus und alle Kinder fingen vor Angst an zu schreien. In dem Moment kam mir die Idee! Dieses Tier war einfach viel zu groß für solche kleinen Kinder, aber was wäre denn mit den Kaninchen....Die Grünfläche im Innenhof des BSSK ist jedenfalls ungenutzt, was ich schon von Anfang an als sehr schade empfunden hatte.

Ich dachte mehrere Tage darüber nach bis ich mir ein Herz fasste und meine Chefin fragte. Eigentlich war ich schon darauf eingestellt, dass sie mich für verrückt halten und der Idee eine Abfuhr erteilen würde. Doch sie war schlicht-weg begeistert :) Auch sie erkannte, dass dies eine ganz andere Möglichkeit für die Kinder sei, um mehr Verantwortung zu übernehmen, aufmerksamer zu beobachten und anderen Liebe und Zuneigung zu schenken. Die Kinder fragen nun jeden Tag: "Lia Didi, Sassaa kuthay?" - "Leaa, wo ist ist der Hase?" Nun mache ich mich also auf die Suche, nach den kleinen Wackelnasen und verbringe meine Freizeit damit Pläne für einen Auslauf zu entwerfen.

Doch auch außerhalb des BSSK geht die Arbeit im Playhouse von Woche zu Woche voran. Drei Mal wöchentlich kommen um die 15-20 Kinder zusammen. Dienstags für die Handwerks-und Bastelarbeiten, Mittwochs: Mahte-und Naturwissenschaften und zu guterletzt für den Englischunterricht am Donnerstag. Das Playhouse musste leider in eine andere Gegend Sanglis verlegt werden, da der Weg für die Kinder abends einfach zu weit war, sodass viele nur sehr unregelmäßig teilnahmen. Zur Verfügung gestellt bekamen wir eine leere Hütte in der es nicht mal Licht gab und in welcher Fledermäuse, Vögel und andere nette Krabbeltiere nisteten. Erschrocken über diesen Zustand musste ich mich am ersten Abend etwas zusammenreißen nicht einfach den Unterricht zu verlassen. Nun kämpfe ich dafür, dass der Raum etwas schöner gestaltet wird und vor allem erstmal Licht bekommt. Ich bin seit Anfang diesen Monats allein für den Englischunterricht zuständig und damit zur "Lia-Madame" geworden :) Die Kinder nehmen mit sehr viel Freude an meinen zwei Stunden pro Woche teil und sind fleißiger denn je. Da es ein paar Anfangsschwierigkeiten mit dem englischen Alphabet gab, habe ich eine Lernhilfe gemalt & gebastelt, um es für meine kleinen Schüler etwas anschaulicher zu machen. Auf dem Nachhauseweg bin ich meist von einer Traube von Kindern umgeben, die mich unbedingt noch bis zur nächsten Kreuzung begleiten wollen. Vor Essenseinladungen von den Schülern selbst, als auch von deren Eltern, kann ich mich kaum mehr retten.



Die Hausbesuche sind nun bereits in meinen Arbeitsplan eingeflossen, sodass ich meist zwei mal pro Woche mit einer der BSSK-Frauen mitgehe, um ein Weiteres der Sponsorship-Kinder zu besuchen. Insgesamt ist die Zahl, der geförderten Familien schon auf 470 gestiegen. Manchmal werden sowohl das Kind, als auch dessen Eltern finanziell unterstützt. Meist hat das die unterschiedlichsten Hintergründe. Oft habe ich mir schon alte Akten über die Kinder durchgelesen. Dass es sich dabei um ein reales Leben und kein Drama im Fernsehen handelt ist selbst für mich manchmal noch nicht zu begreifen. Jedes Kind und jede Familie hat ihre eigene Geschichte und ist oft so erschreckend oder grausam, dass man es einfach nicht wahrhaben will. Anders als ich es anfangs erwartet hatte, ist es weniger die Freude, sondern eher die Furcht, die in den Gesichtern der Menschen zu lesen ist, wenn sie die monatliche Unterstützung erhalten. Sie fühlen sich abhängig und unterworfen. Pro Tag schaffe ich es meist mit der Sozialarbeiterin 6 Familien zu besuchen. Oft geht viel Zeit dabei verloren, die  Häuser bzw. Hütten und Wohnungen der Sponsorship-Kinder zu suchen, da es in Sangli keine Hausnummern und oft nicht einmal Straßennamen gibt. Spannend ist für mich jedoch, dass sich jeder trotzdem zu kennen scheint und man am Ende nach 3-5 Mal Nachfragen oft doch ans Ziel kommt. 
Kleine Gassen, Geheimgänge, Häuser die nicht wie Häuser, sondern Ställe aussehen, Frauen die im Matsch neben ihren Ziegen sitzen. Familien, die mich mit großen Augen anschauen, wenn ich ihr zu Hause betrete und der pure Stolz in den Augen der Kinder, dass "die Weiße" bei ihnen zu Gast war. Kleine Eindrücke, die euch vielleicht besser verstehen lassen, warum ich diese Hausbesuche so schätze.
















Das absolute Highlight der letzten Wochen war jedoch ein Treffen am Geburtstag Mahatma Ghandis, am 02. Oktober. Ihm zu Ehren wurde ein Treffen organisiert, bei welchem viele verschiedene Organisationen, Vereine oder Einrichtungen aus Sangli und Umgebung vorgestellt wurden, die einen wohltätigen Hindergrund haben. Zu jedem Projekt gab es jeweils einen kleinen Stand, wie wir es von Weihnachstmärkten beispielsweise kennen, der dazu diente über die Absichten aufzuklären und verschiedenste Dinge aus eigener Produktion zu verkaufen. Von selbstgemachten Parfümfläschchen, Lesezeichen, Haarspangen, über Taschen und Teppichen bis hin zu riesigen Gemälden war alles dabei. Spät am Abend und zum krönenden Abschluss der Veranstaltung trat eine Gruppe mit dem Namen "For us to the Sky is the limit" auf. Dabei handelte es sich um Menschen mit den unterschiedlichsten Behinderungen. Ganze 2 1/2 Stunden tanzten und sangen sie, bildeten Formationen oder zeigten andere Talente. Es war so beeindruckend das ich ein paar Mal den Tränen nah war. Sie waren stolz auf ihr Können und mit Leib und Seele dabei. So wurde es auch für mich zu einem wirklich unvergesslichen Abend. Leider versagte meine Kamera. Fotos könnt ihr aber gern auf ihrer eigenen Hompage anschauen ;)

http://www.hohk.org.in/




Wie ihr seht kommt das Wort "Langeweile" in Sangli bei mir also nicht vor! Es ist nach wie vor ein Erlebnis, jeden Tag :)